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Annas kleines Jahrhundert

Milan liebt Anna. Esmé findet Anna hübsch. Pavel hilft Anna beim Erdbeerenpflücken. Anna liebt Erdbeeren.

Milan, der Schwarzmilan schwebt über Anna um mit seiner Liebe zuzustoßen, in einem unachtsamen Moment, wenn Anna wegsieht und unbehütet ist. Milan, der Schwarzmilan, in Liebe am Himmel kreisend. Esmé sagt zu Anna, Anna du bist hübsch. Sie öffnet den Mund, sagt es, und schließt ihn wieder. Esmé muss man verstehen. Wenn sie etwas beobachtet, dann muss sie es aussprechen, dann sagt sie: "Pavel hilft Anna Erdbeeren pflücken", als müsste sie es jemandem erklären. Aber sie sagt es einfach so, ins Leere, mitten auf die Wand direkt vor ihr, die sie von der Welt trennte, mitten in die Vergangenheit hinein.
Pavel ist wie alle Pavels: Ein Junge mit einer Mütze für Erwachsene auf dem Kopf, der seinem Vater Geld klaut und einen kleinen Wagen hinter sich herzieht.

Annas Erdbeeren und
Annas Mund und
Annas Lippen und
Annas Kuss.

"Anna könnte hundert Jahre alt werden, es würde ein kleines, schönes, zerbrechliches Jahrhundert werden", sagt die Erzählerin Esmé.

Nun ja. Am Ende ist alles völlig überraschend:
Viel war von diesem Jahrhundert nicht zurückgeblieben. Halbvolle Weingläser, Kerzenlicht hier, eine müde Anna dort, umhergeschobene Stühle, dazu ein paar Menschen, die sich schweigend in Richtung Abschied zerstreuen. Der Himmel wirkte unermesslich groß und eisig kalt. Der Mond schien auf ein paar Wolkenfetzen. Pavel schaut hinauf. Esmé sitzt still in einer Ecke und beobachtet. Esmé besteht nur aus Beobachten. Milan reibt sich die Augen. Wein macht ein Kribbeln unter den Augen. Was waren wir für Kinder! Wein macht ein Kribbeln und Erdbeeren machen feuchte Lippen und Musik macht fröhlich und Tanzen macht glücklich und glücklich macht müde.

Wo sind die kleinen Kinder, die durch Weizenfelder rennen und aufgeschrammte braune Haut bekommen?

Sie sind dreizehn geworden und vierzehn und fünfzehn. Dafür haben sie drei Jahre gebraucht.
Sie sind sechzehn und siebzehn und achtzehn geworden.
Dafür haben sie ein Leben gebraucht.

Hättet ihr mit mir gespielt, wenn es mich gegeben hätte?
8.7.07 20:20
 


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