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Neues aus dem Reich der Mitte, Teil 1

Hu Fei Sen, seines Zeichens ein aufstrebender tibetanischer Geduldspiele-Entwickler mit chinesischer Vergangenheit, aber vielversprechender Zukunft, behauptete seit einer Weile, dass die Zeit stillstünde.

Nun lag darin für den gewöhnlichen Menschen kein Grund zur Besorgnis. Für Hu Fei Sen jedoch war dies ein unvorstellbares Dilemma, bestand seine Lebensaufgabe laut eigener Aussage doch darin, "die Zeit innerhalb derer eine sich ereignende Situation stattfindet, auf eine subjektiv wahrgenommene Weise zu beschleunigen, um die aufzubringende Fähigkeit, an besagter Situation nicht wirkend einzugreifen, welche dem jeweiligen Anspruch der jeweiligen Situation gemäß eine jeweilige Qualität besitzt, möglichst einfach anwendbar zu machen." (Handbuch der Semasiologie, Seite 327, Abschnitt "Übungen")
Je schneller also die Zeit verging, desto weniger Geduld war nach Hu Fei Sens Ansicht erforderlich. Der völlige Stillstand von Zeit hingegen annulierte folgerichtig jede Notwendigkeit von Geduld.
Das wiederum verlieh dem Erfinden Geduldsspielen eine nahezu anrüchige Note.

Hu Fei Sen sah nur eine Möglichkeit, um seinen Beruf vor dem Aussterben zu retten:

Er setzte einen altersschwachen Schnegel am Fuße eines riesigen Eisberges aus und fesselte ersteren mit einem Antennenkabel an sein chinesisches, aber vielversprechendes Fußgelenk.

Er, Hu Fei Sen, würde die größte Geduld aufbringen, die die Welt je gesehen hätte. Er würde die Zeitlosigkeit überwinden und so lange ausharren, bis der Schnegel ihn auf die Spitze des Berges geschleift hätte (oder der Berg im Zuge der Klimaerwärmung dahin geschmolzen wäre).
Just in dem Moment, an dem der Schnegel die Bergspitze erklömme (oder die Bergspitze den Schlegel erreichte), müsste nach Hu Fei Sens Berechnungen die Zeit wieder einsetzen ...


Hu Fei Sen starb als glücklicher Mann auf halber Strecke an kolossalen Gesäßerfrierungen. Seine Lebensphilosophie wurde postum als Zen-Buddhismus in weiten Teilen der Welt bekannt.



Vorgaben:
Hufeisen, Antennenkabel, postum, Eisberg, Schnegel, Semasiologie
höchstens 20 Sätze
3.7.07 23:11


Ach

Man kann die Dinge - in Worten - nur dann vermissen, wenn man sie noch nicht verloren hat. Wenn sie wirklich verschwinden, entgleiten sie im selben Moment unseren feinen, sanftpräzisen Worten und wir haben die Wahl, stumm vermissen oder anfangen zu lügen, mit rauen, groben Wortgeflechten, wer kann schon sagen, wo die Gefühle enden und das Schreiben beginnt.

So wie er achtundsechzig Jahre lang gelebt hatte, so schrieb er auch: ausschweifend, ruhelos und ohne jede Reue.

Nicht ein einziges Mal während der ganzen Schreiberei überarbeitete er seinen Roman, er korrigierte nicht einen Satz, sondern schrieb wie es ihm in den Sinn kam, mit großer Hingabe, ohne jemals auch nur ein einziges Wort zurückzunehmen.

Dann wiederum saß er tagelang vor seinem Blatt Papier und drehte den Füller in seiner Hand ohne ihn anzusetzen. Er brummte vor sich hin, trank ein Glas Wein nach dem anderen und schaute mit großen Augen aus dem Fenster. Und plötzlich, ohne dass sich etwas sichtlich verändert hätte, schrieb er diesen einen verfluchten feigen Satz, er setzte den Füller an und schrieb die gefunden Worte mit gerechter Wut, als würde er seine ungezogenen Kinder züchtigen.

"Verbrennen sollte man dieses Buch, ich schwörs, wenn ich fertig bin, werf ich den Kram ins Feuer", sagte er.

Er verfluchte sie, hasste sie, tobte vor Wut, aber nie, niemals bereute er auch nur ein einziges Wort.

Von sich selbst schrieb er: "Ich bin das Leck und die Welt ein dem Untergang geweihtes Schiff."

Er war ein großer Mann. Er schrieb, wie man schreiben sollte.

Großvater, ach, dummer Junge, du hättest nicht vom Krieg erzählen sollen.
So bitter dem Süßen nachhängend.
6.7.07 21:27


unvollendetes Gedicht I

Für einen Intellektuellen überqualifiziert
und einfach nichts zu sagen
aber einen der's erzählt.
Bestanden hat, wer den Verstand verliert
Ständig das Gestern zu vertagen
hat uns für die Zukunft gestählt.

Und Sekundenzeigers Werbepause
ist dir nichts mehr wert
geh weg, du bist Zuhause,
fühl dich ganz wie eingesperrt.

(...)
6.7.07 21:40


Annas kleines Jahrhundert

Milan liebt Anna. Esmé findet Anna hübsch. Pavel hilft Anna beim Erdbeerenpflücken. Anna liebt Erdbeeren.

Milan, der Schwarzmilan schwebt über Anna um mit seiner Liebe zuzustoßen, in einem unachtsamen Moment, wenn Anna wegsieht und unbehütet ist. Milan, der Schwarzmilan, in Liebe am Himmel kreisend. Esmé sagt zu Anna, Anna du bist hübsch. Sie öffnet den Mund, sagt es, und schließt ihn wieder. Esmé muss man verstehen. Wenn sie etwas beobachtet, dann muss sie es aussprechen, dann sagt sie: "Pavel hilft Anna Erdbeeren pflücken", als müsste sie es jemandem erklären. Aber sie sagt es einfach so, ins Leere, mitten auf die Wand direkt vor ihr, die sie von der Welt trennte, mitten in die Vergangenheit hinein.
Pavel ist wie alle Pavels: Ein Junge mit einer Mütze für Erwachsene auf dem Kopf, der seinem Vater Geld klaut und einen kleinen Wagen hinter sich herzieht.

Annas Erdbeeren und
Annas Mund und
Annas Lippen und
Annas Kuss.

"Anna könnte hundert Jahre alt werden, es würde ein kleines, schönes, zerbrechliches Jahrhundert werden", sagt die Erzählerin Esmé.

Nun ja. Am Ende ist alles völlig überraschend:
Viel war von diesem Jahrhundert nicht zurückgeblieben. Halbvolle Weingläser, Kerzenlicht hier, eine müde Anna dort, umhergeschobene Stühle, dazu ein paar Menschen, die sich schweigend in Richtung Abschied zerstreuen. Der Himmel wirkte unermesslich groß und eisig kalt. Der Mond schien auf ein paar Wolkenfetzen. Pavel schaut hinauf. Esmé sitzt still in einer Ecke und beobachtet. Esmé besteht nur aus Beobachten. Milan reibt sich die Augen. Wein macht ein Kribbeln unter den Augen. Was waren wir für Kinder! Wein macht ein Kribbeln und Erdbeeren machen feuchte Lippen und Musik macht fröhlich und Tanzen macht glücklich und glücklich macht müde.

Wo sind die kleinen Kinder, die durch Weizenfelder rennen und aufgeschrammte braune Haut bekommen?

Sie sind dreizehn geworden und vierzehn und fünfzehn. Dafür haben sie drei Jahre gebraucht.
Sie sind sechzehn und siebzehn und achtzehn geworden.
Dafür haben sie ein Leben gebraucht.

Hättet ihr mit mir gespielt, wenn es mich gegeben hätte?
8.7.07 20:20


Ende der Welt

Ein blauer Käfer flog mir ins Ohr und ich schluckte ihn herunter.
10.7.07 21:58


Anna, Prinzessin Liebe
Milan, der Schwarzmilan
Esmé, die Erzählerin
Balthasar, der Verstorbene
Ich, der Langsame
16.7.07 21:10


Neues aus dem Reich der Mitte, Teil 2

Es gibt ein chinesisches Sprichwort, das sich zufällig im Deutschen reimt:

Stirbst du im Traum, wachst du nie auf
Überlebst es wohl kaum, Tote wie dich gibt's zuhauf!



Qualamaldildo, seines Zeichens unübertroffener Onomatopoet im Angestelltenverhältnis seiner kaiserlichen Hoheit Tin-Ten dem Unbeherrschten - lang und fruchtbar möge seine Herrschaft sein - war unversehens in den Bann einer tragischen und magischen Liebe geraten.

Er war, wie es so geschieht, einer lieblichen und wundersamen Prinzessin verfallen,
die unglücklicherweise unter dem traurigen Schicksal litt, Schrifstellerin zu sein.
Das Zauberwort war: Kurzgeschichten. Der einzige Einlass zu ihrer Seele.

Qualamaldildo sah in seiner Angebeteten eine literarische Gefährtin für die Welt der Worte.

Er tanzte in konzentrischen Kreisen um die Gemächer der Prinzessin.

Tag für Tag lispelte sich der Poet pflichtschuldig durch melodiösen Dünnschiss,
um die treudoofen Konkubinen am Kaiserhof in ihre unproblematische verträumt-verklärt-romantische Naivität zu wiegen. Er irrte psalmodierend durch die riesigen Palastgärten
und ließ Gedichte erblühen, in denen er vor der Volksmenge die Schönheit des Reiches wuchern ließ. Er saß vor dem von prachtvollen Tigern und gewaltigen Elefanten umkreisten Thron und schwang dem Kaiser Siegeshymnen, in denen Kriesgeschrei und Triumphmärsche widerklangen.

Kurzum, er war der plappernde Papagei auf der Schulter eines gefürchteten Piraten. Er rezitierte größtenwahnsinniges Gebrabbel und heuchelte dabei ungekünsteltes Frohlocken. Er war der Komponist kaiserlicher Verlautbarungen, Dirigent seiner Anordnungen, leibhaftiger Soundtrack des Kaiserlebens. Tief in seinem Inneren jedoch, in jedem Moment seines Lebens war er in die Tochter seines Chefs verliebt.


Tin-Ten - glanzvoll und glorreich ranke sich sein unsterbliches Leben durch die Ewigkeit - pflegte alle wichtige Entscheidungen beim Essen zu treffen. Mitunter geschah es, dass eine beim Hauptgang vorgetragene Debatte heftigst an das Verantwortungsbewusstsein seiner Hoheit appellierte, was in den auschweifenden Gebrauch beschreibender Gesten ausartete.
Das trug dem Kaiser den Spottnamen Tin-Ten Kleckshose ein.

Als Qualamaldildo bei einem fürstlichen Bankett um die Hand seiner Tochter anhielt, verspritzte Tin-Ten - groß und in Stein gemeißelt erscheine sein Name in allen bedeutenden Steinen dieser Welt - halbverdauten Kirschblüteneintopf in der Speisehalle.

"Was sagst du da?"
"Eure Tochter, eure Hoheit. Eure Antwort?"

Tin-Ten - gülden und gepriesen und so weiter - kam nach tagelangem missgünstigem Grübeln zu folgendem Schluss:

Um seine Tochter ehelichen zu dürfen, müsse sich Qualamaldildo als würdiger Held erweisen und sich durch die sieben Träume bis zur göttlichen Jadekaiserin der erhabenen Wünsche hochschlafen. Wenn er der Prinzessin drei Geschenke mitzubringen vermöge, so sei es ihm gestattet, die Prinzessin in das Schlachtfeld der Ehe zu führen.

Das erste Geschenk war eine Antifalten- und Pickelcreme, die dem Klienten die vornehmene chinesische Blässe versprach, in der sich das Licht der Sterne spiegelte.

Das zweite Geschenk war ein Kuscheltier, an dem die Prinzessin in ihrer Kindheit sehr gehangen hatte. Als sie sieben Jahre alt geworden war, hatte das Kuscheltier gesagt, dass es nun sterben müsse, um die Entwicklung der Prinzessin nicht zu hemmen.

Das dritte Geschenk blieb ein Geheimnis, das nie gelüftet wurde.

Qualamaldildo stimmte den Bedingungen zu. Er bekam ein Getränk aus einer verzauberten Traubensaftzubereitungsmaschine, die ihn in einen tiefen Schlaf fielen ließ.

Die ersten drei Träume überstand der Onomatopoet problemlos. Er lieferte die Creme und das Kuscheltier ab. Er brachte sogar die Leiche des Kuscheltierfriedhofswärters mit, einen schneeweißen Eisbären mit einem kurzen Namen.

Aus den anderen Träumen jedoch ist er nie erwacht.
Einige Traumdeuter munkeln, dass Qualamaldito der Anmut der Jadekaiserin erlegen sein müsse und nun im Konkubinat weile, dich gedrängt zwischen all den anderen verlorenen Seelen, die vergeblich auf eine Liebesnacht warteten.



Stirbst du im Traum, wachst du nie auf
Überlebst es wohl kaum, Tote wie dich gibt's zuhauf!


Wispert die Kaiserin ihnen zu, lächelnd, in vornehmer chinesischer Blässe, die Sterne spiegeln sich darin.


Vorgaben:
Traubensaftzubereitungsmaschine, Tintenkleckshose, Dildo, kurzgeschichten.de, Antifalten- und Pickelcreme, Kuscheltierfriedhofswärter
29.7.07 12:59





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